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Beispiele: Die Unbarmherzigkeit der kath. Amtskirche – Paul Haverkamp

Kommentarbeitrag:

Die Unbarmherzigkeit der kath. Amtskirche – Paul Haverkamp

Meldungen der jüngsten Zeit bestätigen mich immer wieder in meiner seit vielen Jahren vertretenen These, dass wir es nicht nur mit einer „Gotteskrise“ innerhalb der kath. Kirche zu tun haben, sondern vor allem mit einer Glaubwürdigkeits-Krise, die viele Menschen verzweifeln lässt – vor allem dann, wenn man das jesuanische Vorbild der Kirche als Matrix zugrunde legt und einen Vergleich mit der kath. Kirche im Jahre 2011 anstellt. Viele Katholiken halten diesen Spagat nicht mehr aus, sie leiden an dem bestehenden Glaubwürdigkeitsdefizit und an einem Gefühl eigener Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts der von Macht und Herrschaft so irre geleiteten kath. Kirche des Jahres 2011.
In einem Interview mit der ZEIT sagte Hans Küng:
„Deshalb diagnostiziere ich in meinem neuen Buch eine kranke Kirche und meine damit krankhafte Strukturen: römisches Macht- und Wahrheitsmonopol, Juridismus und Klerikalismus, Frauenfeindlichkeit und Reformverweigerung.“
Es sind die Opus Dei Vertreter, die Legionäre Christi, die Piusbruderschaft, das „Movimenti“-Klientel, das seit langer Zeit den Kurs der kath. Kirche bestimmt – rückwärtsgewandt, weltabgewandt, Menschen abgewandt.
Es ist ein Skandal, wie diese Kreise – entgegen den jesuanischen Vorgaben und mit Zustimmung von Johannes Paul II. und seinem Nachfolger Benedikt – eine derartige Machtposition bekommen haben, dass vielen Menschen als Reaktion gegen einen solch reaktionären Kurs der kath. Kirche nur noch die Abstimmung mit den Füßen bleibt. Auf Jesus von Nazareth können all diese Leute aus den erzkonservativen Lagern sich gewiss nicht berufen – wohl aber auf den Macht- und Herrschaftsehrgeiz von vielen Vertretern der Amtskirche, den sie gemeinsam mit den absolutistisch und autokratisch Regierenden dieser Welt an den Tag legen.
Die katholische Kirche rennt von einer Glaubwürdigkeitskrise in die nächste. Es gibt offensichtlich Kräfte in der kath. Kirche, die die personale „Verdunstung“ soweit betreiben wollen, dass nur noch ein „heiliger Rest“ vorhanden ist – der sich dann in einzigartiger Weise im Alleinbesitz der göttlichen Wahrheit weiß. Doch was nutzt dieses Privileg – wenn immer mehr Menschen der katholischen Amtskirche den Rücken kehren und die Gotteshäuser sich in Altenheime verwandeln?

Viele engagierte Christen empfinden Verhaltensweisen gegenüber Personen und Argumentationen von Katholiken, die sich dezidiert für ein Ankommen der kath. Kirche im 3. Jahrtausend einsetzen, als Verrat gegenüber der jesuanischen Botschaft. Vor allem die von der Amtskirche verhängten Sanktionen werden als unbarmherzig, unchristlich, antijesuanisch und inhuman angesehen.

Wie herzlos ist es, wenn katholische Ärzte einer Vergewaltigten die “Pille danach”, also die Schwangerschaftsverhütung, verweigern müssen, um nicht den Job zu verlieren? Wie kann man geschiedene Kindergärtnerinnen feuern, nur weil sie einen neuen Freund haben? Warum gibt es Missbrauch in der Kirche und warum müssen Missbrauchsopfer Jahrzehnte lang leiden, bevor die Kirche Schuld bekennt und sie für das Unrecht entschädigt? Unbarmherzig. Unbarmherzig. Unbarmherzig.

Zum Thema „Unbarmherzigkeit“ einige Beispiele:

• Keine Gnade und keine Barmherzigkeit kennt die katholische Amtskirche gegenüber Menschen mit gebrochenen Lebensbiografien. Bis auf den heutigen Tag verweigert sie den wiederverheirat Geschiedenen und den konfessionsverbundenen Ehepaaren die Eucharistie. Als gegen Ende des letzten Jahrhunderts die Zahl der gescheiterten Ehen stark zunahm, die Wiederverheirateten aber darunter litten, dass sie von den Sakramenten, vor allem der Kommunion, ausgeschlossen waren, entwickelten die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz(Freiburg, Mainz und Rottenburg-Stuttgart) einen eigenen Lösungsvorschlag: Wenn Betroffene das Scheitern ihrer Ehe bereuten, eine Wiederaufnahme der ersten Ehe aber nicht möglich war, dann konnten sie wieder an der Kommunion teilnehmen. Damit aber wichen die erwähnten Bischöfe von der römisch-katholischen Lehre und Praxis ab, wie sie im Katholischen Erwachsenenkatechismus gefordert wird. Das Ansinnen der oberrheinischen Bischöfe wurde in Rom rigoros und gnadenlos abgewiesen.

• Dabei hatte Jesus keinerlei Zulassungsprobleme, wenn er Menschen seiner Zeit an seinen Tisch einlud. Der kath. Priester und Künstler Sieger Köder hat das in unübertroffener Weise in seinem Bild „Mahl mit den Sündern“ dargestellt, das im Landhaus des römischen Germanicums „San Pastore“ bei Palestrina, unweit von Rom, seinen Platz gefunden hat. Jesus hat keinen Menschen aus seiner Mahlgemeinschaft ausgeschlossen, zu der er insbesondere diejenigen einlud, die am Rande der Gesellschaft lebten. Diese Mahlgemeinschaft, Anzeichen des himmlischen Hochzeitsmahls, symbolisiert die Gleichheit aller vor Gott ; denn Gott akzeptiert alle ohne Ansehen der Person, erwartet aber auch von denen, die sich zum Mahle einladen lassen, eine brüderliche und schwesterliche Nähe und den Glauben an die liebende und verzeihende Kraft seiner frohmachenden und den Menschen befreienden Botschaft. Ernst Lange hat vor ca. 30 Jahren diese Aussage zusammengefasst in dem Satz : „Jesu Tisch kannte keine Zulassungsprobleme – außer der Frage, ob einer sich treffen ließ von der Liebe Jesu.“

• Der Regensburger Bischof Müller verbietet es aber dem langjährigen hochverdienten ZdK-Präsidenten Hans Maier, aus seinen Lebenserinnerungen kirchlichen Häusern vorzulesen, weil er zu ‘Donum Vitae’ steht. Dabei haben die deutschen Bischöfe und erst recht die deutschen katholischen Laien nach dem vom 2. Vaticanum gelehrten Grundsatz gehandelt, demzufolge die Laien vor allem für die weltlichen Aufgaben und Tätigkeiten zuständig sind. „Von den Priestern aber dürfen die Laien Licht und geistliche Kraft erwarten. Sie mögen aber nicht meinen, ihre Seelsorger seien immer in dem Grade kompetent, dass sie in jeder, zuweilen auch schweren Frage, die gerade auftaucht, eine konkrete Lösung schon fertig haben könnten oder die Sendung dazu hätten. Die Laien selbst sollen vielmehr im Licht christlicher Weisheit und unter Berücksichtigung der Lehre des kirchlichen Lehramtes darin ihre eigene Aufgabe wahrnehmen. Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge ihnen eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht, wie es häufiger, und zwar legitim, der Fall ist, bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen. Wenn dann die beiderseitigen Lösungen, auch gegen den Willen der Parteien, von vielen andern sehr leicht als eindeutige Folgerung aus der Botschaft des Evangeliums betrachtet werden, so müsste doch klar bleiben, dass in solchen Fällen niemand das Recht hat, die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen. Immer aber sollen sie in einem offenen Dialog sich gegenseitig zur Klärung der Frage zu helfen suchen; dabei sollen sie die gegenseitige Liebe bewahren und vor allem auf das Gemeinwohl bedacht sein. Die Laien aber, die am ganzen Leben der Kirche ihren tätigen Anteil haben, sind nicht nur gehalten, die Welt mit christlichem Geist zu durchdringen, sondern sie sind auch dazu berufen, überall, und zwar inmitten der menschlichen Schicksalsgemeinschaft, Christi Zeugen zu sein.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ kommentiert zu Recht: „Wer soll eigentlich noch Platz in der katholischen Kirche haben, wenn sie schon einem wie Hans Maier die Tür vor der Nase zuschlägt?“

• Augsburg, 4.6.2009 (IBA). Der Beauftragte der Freisinger Bischofskonferenz für das Landeskomitees der Katholiken in Bayern, der Augsburger Domkapitular Prälat Bertram Meier, hat auf die Unvereinbarkeit kirchlicher Funktionen mit einem Engagement in der Organisation „Donum Vitae“ hingewiesen. Dies gelte auch für Funktionsträger in kirchlichen Laienorganisationen wie dem Landeskomitee der Katholiken in Bayern oder dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken. „Wer sich in kirchlichen Gremien als Katholik engagiert, muss wesentliche Grundpositionen des kirchlichen Lehramtes uneingeschränkt mittragen. Funktionsträger von „Donum Vitae“ dürften deshalb auch nicht in katholische Laiengremien gewählt werden, betonte der Prälat.

• Ohne (!!!) dem sich zu seinem Schwulsein bekennenden katholischen Theologen und Religionslehrer David Berger die Gelegenheit zu geben, zu den pauschalen Vorwürfen des Kölner Kardinal Meisner Stellung nehmen zu können, entzog der Kölner Kardinal dem Buchautor David Berger (Der heilige Schein) die Mission canonica.

• Vollkommen unglaubwürdig macht sich die katholische Amtskirche bei der Verpflichtung zum Zölibat. Während man mit den verheirateten Priestern in der griech.-orthodoxen Kirche und den zur kath. Kirche übergetretenen anglikanischen Priester keine Probleme hat, verbietet man den deutschen Priestern jedes eheähnliche Verhältnis. Unerbittlich aber halten sowohl der amtierende Papst Benedikt als auch sein Vorgänger Johannes Paul II. den Zölibatskritikern entgegen: „Der Wert des Zölibats als Geschenk des Herrn an seine Kirche muss sorgfältig geschützt werden.” Diese freudlose 1700 Jahre alte Sichtweise ist aber selbst unter ranghöchsten Würdenträgern zunehmend umstritten. Rund 100 000 Priester haben weltweit in den vergangenen 30 Jahren vor allem wegen des Zwangs zur Enthaltsamkeit der Kirche den Rücken gekehrt.

• Erschütternd ist der Umgang der Amtskirche mit verheirateten Priestern, die geheiratet haben. Ausgrenzung und Unbarmherzigkeit ist die Reaktion der in Rom Entscheidenden auf die Bitte vieler Bischöfe, das Zölibatsgesetz zu entschärfen und damit den Seelsorge-Notstand zu lindern. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob die Verweigerung von Verzeihung und Versöhnung nicht die viel größere Sünde darstellt als die Verletzung des Zölibats! Erinnert sei daran, dass Jesus nicht gekommen ist, um die Menschen fromm zu machen, sondern um die Frommen menschlich. Hat Jesus nicht dem Petrus eingeschärft, dass er nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal am Tage verzeihen sollte? Leider zitiert man in päpstlichen Dekreten nur Matthäus 16,18 ; von Camus stammt der Satz : „Seine Grundsätze soll man für die wenigen Augenblicke im Leben aufsparen, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“

• Totschweigen von Priesterkindern :Von mit der Sache befassten Juristen ist zu vernehmen, dass die Diözesen die Zahlung von Alimenten für Priesterkinder übernehmen – bis zum dritten Kind. Von der naturrechtlichen Pflicht eines Vaters, für seine Kinder zu sorgen, und das ist mehr als nur Alimente zu zahlen, wird in diesem Fall nicht gesprochen. Gerade aber das Naturrecht wird zur Begründung vieler ethischer Normen als Argument verwendet. Opfer sind die unschuldigen Priesterkinder, die oft nicht erfahren, wer ihr Vater ist, oder es leugnen müssen. Wieder ist das Ansehen der Kirche wichtiger als das Wohl der Schwächsten. Aktuell ist eine Annahme der Vaterschaft kirchenrechtlich möglich, ohne dass der betroffene Priester dadurch sein Amt verliert. Für einen weiteren Verbleib im aktiven Priesteramt ist jedoch die Beendigung der sexuellen Beziehung zur Mutter notwendig. Andernfalls erfolgt automatisch die Suspension des Priesters.

• Einige tausend Priesterkinder gibt es in Deutschland nach Angaben von Betroffenen-Initiativen: Rund 9000 der insgesamt fast 17 000 deutschen katholischen Geistlichen sollen, so die Schätzungen, sexuelle Beziehungen unterhalten, jeder dritte ein Kind gezeugt haben. Das bedeutet einige tausend verdrängte, verheimlichte Schicksale. Denn diese Kinder werden vielerorts behandelt, als wären sie etwas, was es offiziell gar nicht mehr geben darf: unerwünschte Bastarde. Wer keinen geschützten Raum im Pfarrhaus hat, dem bleiben nur hastige Treffen. Das ewige Auf und Ab einer ungeklärten Beziehung. Kein wirkliches “Ja” und kein endgültiges “Nein”. Ein erniedrigendes inoffizielles Dasein für Frau und Kinder. Katholische Politiker wie Heiner Geißler oder Rita Süssmuth, ja ganze Verbände wie das “Zentralkomitee der deutschen Katholiken” stellen die keusche Ehelosigkeit in Frage, genauso wie einzelne Theologen und innerkirchliche Reformgruppen. Hans Küng etwa oder Eugen Drewermann gehören zu den prominenten Kritikern, ebenso wie der Leiter der Therapieeinrichtung für psychisch ausgebrannte Priester der Abtei Münsterschwarzach, Wunibald Müller, und sein Kollege Pater Anselm Grün. Müller: „Im Zusammenhang mit dem Zölibat sind Unwahrhaftigkeit, Doppelbödigkeit und Heuchelei in die Herzen vieler Priester eingezogen.” Unerbittlich aber hält der amtierende Papst Johannes Paul II. dem entgegen: „Der Wert des Zölibats als Geschenk des Herrn an seine Kirche muss sorgfältig geschützt werden.” Diese freudlose 1700 Jahre alte Sichtweise ist aber selbst unter ranghöchsten Würdenträgern zunehmend umstritten. Rund 100 000 Priester haben weltweit in den vergangenen 30 Jahren vor allem wegen des Zwangs zur Enthaltsamkeit der Kirche den Rücken gekehrt.

Paul Haverkamp, Lingen

 

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