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Die christlichen Kirchen und der Faschismus – Karlheinz Deschner

Adorno: „Ich fürchte mich vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“
Parallelen:
2016: CDU/AfD – 1933: Zentrumspartei/NSDAP – 1923: Partite Popolare/Faschismus

Die christlichen Kirchen und der Faschismus Karlheinz Deschner
Abermals krähte der Hahn, Karlheinz Deschner, 67. Kapitel, S.676 , Alibri Verlag

Der Vatikan und der Faschismus (Mussolini)   S.676 ff
Die katholische Kirche und der spanische Bürgerkrieg (Franco)   S.681 ff
Der Nationalsozialismus und die christlichen Kirchen (Hitler)   S.687 ff

Die Zusammenarbeit von Kirche und Staat beruht auf dem Prinzip des „Do ut des“, der gegenseitigen Unterstützung. Katholizismus und Protestantismus verbünden sich auf dieser Basis mit jedem Regime, selbst mit dem verbrecherischsten, wie ihr Verhältnis zu Mussolini, Franco und Hitler beweist.

Lateranverträge

1. Der Vatikan und der Faschismus

DeVatikan hindertden Klerus aFeindseligkeiten
gegenübedeFaschismus und machtseinBischöfe
zu Wachhunden für diSicherheideRegimes.
Avro Manhattan (1)

Zwischen dem Vatikan und dem vorfaschistischen Italien herrchten gespannte Beziehungen, begründet teils in dem liberalen Charakter des säkularisierten italienischen Staates, teils in seinem Anspruch auf die päpstlichen Besitzungen. Der faschistischen Diktatur dagegen schenkte die Kurie bald ihre ganze Gunst.

Papst Pius XI. (1922-1 939) hatte schon als Kardinal Ratti die neue Partei mit Interesse verfolgt und sie noch vor ihrem „Marsch auf Rom‘ unterstützt, der durch die mit dem Vatikan eng verbundene „Banco di Roma“ finanziert worden war. Zu Beginn des Jahres 1923 begannen dann die Besprechungen des Kardinalstaatssekretärs Gasparri mit Mussolini. Der Vatikan verpflichtete sich, Mussolini durch Ausschaltung des Partite Popolare, der katholischen Partei, entgegenzukommen, konnte doch der Papst von den Faschisten eine viel radikalere und darum mehr Erfolg versprechende Bekämpfung seiner liberalen, demokratischen und kommunistischen Gegner erwarten. Mussolini sicherte der Kirche die Beseitigung des Sozialismus und die Wahrung ihrer Rechte zu.

Der erste Dienst, den der Exsozialist (red. Mussolini) dem Heiligen Stuhle leistete, war ein finanzieller. Er rettete nämlich die „Banco di Roma“, der sowohl die Kurie als auch mehrere ihrer Würdenträger hohe Summen anvertraut hatten, vor dem Bankrott, indem er auf Kosten des italienischen Staates mit ungefähr 1,5 Milliarden Lire einsprang (2).  (Die Familie Pacelli besitzt heute maßgeblichen Einfluß in dieser Bank.)

Von nun an begannen die Lobgesänge des hohen italienischen Klerus, einschließlich des Papstes, auf Mussolini. Der Kardinal Vannutelli, der Dekan des sogenannten Heiligen Kollegiums, erklärte bereits damals von ihm, er sei „auserwählt zur Rettung der Nation und zur Wiederherstellung ihres Glückes“(3). Als seinerzeit Faschisten Mitglieder der katholischen Partei überfielen und ermordeten, und zwar auch Priester, wie den Pfarrer Don Minzoni, protestierte der Papst mit keiner Silbe (4). Vielmehr befahl er, als Mussolini, u.a. auch gegen den energischen Widerstand der katholischen Partei, im Frühjahr 1923 durch Einführung einer Wahlrechtsreform das Parlament beseitigen und die Diktatur errichten wollte, dem sizilianischen Geistlichen Don Sturzo, dem Führer der katholischen Partei, am 9. Juni 1923 den Rücktritt und empfahl die Auflösung der Partei (5). Hohe katholische Kleriker priesen Mussolini und seine Politik, ja, der Erzbischof von Florenz, Kardinal Mistrangelo, umarmte ihn zehn Tage später und küßte ihn auf beide Wangen (6).

Im Juni 1924 wurde der Sozialistenfuhrer und Abgeordnete Giaco mo Matteotti, der erbittertste Gegner Mussolinis, von Faschisten ermordet. Die Entrüstung in Italien war ungeheuer, Mussolini schien am Ende seiner Laufbahn. Man forderte seine Absetzung vom König, doch der Vatikan stellte sich wiederum auf die Seite Mussolinis und ordnete sogar den Austritt aller Priester aus der katholischen Partei (red. Partite Popolare) an, was ihrer Auflösung gleichkam. Eines der wichtigsten Hindemisse auf dem Weg zur faschistischen Diktatur hatte damit der Papst beseitigt, der am 20. Dezember 1926 aller Welt verkündete: „Mussolini wurde uns von der Vorsehung gesandt.“(7)

Die Zusammenarbeit des Vatikans mit dem Faschismus führte 1929 zum Abschluß des Lateranvertrages, der einerseits das Ansehen der Faschisten in der Welt steigerte, andererseits der römischen Kirche große Vorteile brachte. So wurde der Katholizismus in Italien nicht nur zur Staatsreligion, sondem man zahlte auch der Kurie als Entschädigung für die Enteignung ihrer Besitzungen eine Milliarde Lire in Staatspapieren und 750 Millionen Lire in bar. Papst Pius XI. sah sich am 13. Februar 1929 wieder einmal genötigt, Mussolini den Mann zu nennen, „den uns die Vorsehung geschickt hat“, und befahl schließlich allen Priestem zum Abschluß der täglichen Messe ein Gebet für den König und den Duce („Pro Rege et Duce“).(8)

In Parenthese sei bemerkt, daß nach Unterzeichnung des Lateranvertrages auch der damalige Oberbürgemleister von Köln, Konrad Adenauer, Mussolini in einem Glückwunschtelegramm versicherte, sein Name werde in goldenen Buchstaben in die Geschichte der katholischen Kirche eingetragen.(9)

Die Moslems Abessiniens, beiläufig erwähnt, telegraphierten dem Duce (1937) ebenfalls begeistert, er werde von der mohammedanischen Welt als ihr Schutzherr betrachtet“.(10)

Mussolini hatte sich nämlich schon früh als „ein Freund der islamischen Welt“ zu erkennen gegeben, hatte in Libyen eine große Zahl von Moscheen bauen oder wiederherstellen, arabische Schulen gründen und sogar eine Hochschule für islamische Kultur und islamisches Recht errichten lassen.(11)

Auf der anderen Seite förderte Mussolini die Direktoren und Rektoren der italienischen Schulen nachdrücklich zur Lektüre des Neuen Testaments auf. Alle Professoren und Lehrer sollten es lesen und den Kindem nahebringen. „Es ist das größte und notwendigste aller Bücher“, heißt es in einem Erlaß. „Die nationale Regierung will auf diese Weise die Kinder und durch die Kinder die Seele des italienischen Volkes auf den Weg bringen, auf dem das Vaterland zu seiner erhabenen und wahrhaften Größe gelangen soll.(12)

Nach Abschluß des Lateranvertrages bescheinigten auch die Kardinäle in einer Botschaft vom 9. März 1929 an den Papst, der faschistische Diktator regiere „im Auftrag der göttlichen Vorsehung“(13). Ein Jahr darauf beteuerte Kardinal Vannutelli wieder einmal: „Ich bewundere den ehrenwerten Mussolini sehr.“(14)  Und bald sprachen die italienischen Kinder folgendes, von der Kirche verfaßtes Gebet: „Duce, ich danke dir, daß du es mir emlöglicht hast, gesund und kräftig aufzuwachsen. O lieber Gott, behüte den Duce, damit er dem faschistischen Italien lang erhalten bleibt.“(15)  Überhaupt bestanden damals die Bücher der italienischen Elementarschulen zu einem Drittel aus Katechismusstücken und Gebeten, zu zwei Dritteln aus Verherrlichungen des Faschismus und des Krieges.

So war der Vatikan mit dem faschistischen Uberfall auf Abessinien selbstverständlich vollkommen einverstanden. In seinem von Mussolini eingeleiteten Buch „La preparazione e le prime operazioni“ bekennt der italienische Marschall de Bono ganz unverblümt, er habe 1932 den Krieg bei Mussolini angeregt und dieser ihn seit 1933 ohne Rücksicht auf die Haltung Abessiniens heimlich vorbereitet, auch durch Bestechung der Unterfeldherren des Negus.(16)  Während aber fast die ganze Welt die faschistische Aggression verurteilte, stellte sich die katholische Kirche, insbesondere der hohe italienische Klerus, auf die Seite Mussolinis. Am 27. August 1935, als die Kriegsvorbereitungen in Italien auf Hochtouren liefen, verkündete der Papst, ein Verteidigungskrieg  (!) zum Zweck der Expansion (!) einer wachsenden Bevölkerung könne gerecht und richtig sein.(17)  Nur wenige Tage danach, vier Wochen vor dem Uberfall, sandten 19 Erzbischöfe und 57 Bischöfe an Mussolini ein im „Osservatore Romano“ veröffentlichtes Telegramm, in dem es heißt: „Das katholische Italien betet für die wachsende Größe seines geliebten Vaterlandes, das durch Ihre Regierung einiger denn je ist.“(18)

Als die Italiener am 3. Oktober in Abessinien einmarschierten, kannte die vom Volk durchaus nicht geteilte Begeisterung der Faschisten und des hohen Klerus keine Grenzen. Die italienischen Bischöfe forderten die Geistlichkeit auf Gold und Glocken für den Sieg zu spenden und unterstützten von den Kanzeln herab die Parteiredner. Der Erzbischof von Tarent nannte die Aggression, nachdem er auf einem Unterseeboot eine Messe gelesen hatte, „einen heiligen Krieg, einen Kreuzzug“(19)  Erzbischof von Neapel veranstaltete von Pompeji nach Neapel eine Prozession mit dem Bild der Madonna, während gleichzeitig Militärnugzeuge Flugblätter warfen, in denen die heilige Jungfrau, der Faschismus und der abessinische Feldzug im selben Satz verherrlicht wurde.(19)  Die italienischen Soldaten schickten aus dem Abessinienkrieg  sogar Postkarten, auf denen auf dem Turm eines von Infanterie flankierten, geschützrauchumwölkten Panzerwagens eine sternenbekränzte Madonna mit dem Kinde thront. Unterschrift: ,,Ave Maria“(21). Der Erzbischof von Mailand, Kardinal Schuster, der im Herbst 1935 die ins Feld rückenden Truppen gesegnet hatte, veglich Mussolini mit Caesar, Augustus und Konstantin und belehrte die italienische Schuljugend, durch das Werk des Duce habe „Gott vom Himmel geantwortet“(22).  Viele andere hohe Geistliche segneten während des Krieges Kanonen und Bombenflugzeuge und hießen den Krieg im Namen der katholischen Kirche gut.(23)

Nach einem Gelehrten der Harvarduniversität unterstützten wenigstens 7 italienische Kardinäle, 29 Erzbischöfe und 61 Bischöfe den faschistischen Überfall sofort, und zwar ungeachtet des 1929 abgeschlossenen Konkordates, das den Bischöfen jede politische Betätigung strikt untersagt.(24)  Selbst ein katholischer Autor gestand später: Die gesamte Welt verdammte Mussolini, ausgenommen der Papst.“(25)

Gerade während des abessinischen Krieges klärte die vatikanische Jesuitenzeitschrift „Civiltà Cattolica“ die sittlichen Voraussetzungen wirtschaftlicher Kolonialisierung derart, „daß die katholische Moraltheologie durchaus nicht jede gewaltsame Wirtschafts- ausdehnung verurteilt“. Vielmehr dürfe ein Staat, der seine Hilfsmittel völlig erschöpft und alle friedlichen Wege versucht habe, sich im Falle äußerster Not, durch gewaltsame Eroberung sein Recht nehmen“(26).

Wie öffentlich das Zusammengehen der katholischen Kirche mit dem Faschismus gerade in Italien war, vermag auch die Schilderung der pompösen Schlußkundgebung des Eucharistischen Kongresses im Mai 1937 in Taranto (Tarent) zu bezeugen, wobei wir dem Bericht der deutschen Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ folgen: „Der Kardinal ging mit dem Allerheiligsten an Bord eines Kriegsschiffes, das die päpstliche Flagge gehißt hatte. Die höchsten Befehlshaber waren um ihn versammelt, und auf anderen Schiffen der Kriegsflotte gaben die übrigen Behörden dem eucharistischen Gott das Ehrengeleit. Die Straßen am Meer entlang waren schwarz von mehr als hunderttausend Menschen. Ein Geschwader von Wasserflugzeugen schwebte langsam In der klaren Luft. Auf allen vor Anker liegenden Kriegsschinen stand die Besatzung in Parade, um den Segen des vorbeifahrenden Allerheiligsten zu empfangen. An der Torpedostation stieg der Kardinal mit der Monstranz in ein prachtvolles Altarautomobil und zog, begleitet voll glänzenden Abordnungen der kirchlichen und weltlichen Verwaltung, aller Truppengattungen, aller Organisationen der Faschistischen Partei und aller Ordensgenossenschaften, unter den Klängen der Musik und dem Wehen der Fahnen durch die phantastisch mit Lichtem und bunten Tuchgehängen geschmückte Stadt.“(27)

Noch am 12. Januar 1938 empfing Mussolini 72 Bischöfe und 2340 Pfarrer im Palazzo Venezia, wo der Erzbischof Nogara in einer Rede Gott bat, dem Duce in allen Schlachten beizustehen zum Gedeihen des christlichen Italien.

Unmittelbar nach Nogara ergriff der Pfarrer Menossi das Wort: „Exzellenz! Die Priester Italiens flehen auf ihre Person, auf ihr Werk als des Wiederherstellers Italiens und Gründers des Reiches, auf die faschistische Regierung den Segen des Herrn und einen ewigen Glorienschein römischer Weisheit und Tugend herab, heute und immerdar. Duce ! Die Diener Christi, die Pater des Landvolkes erweisen Ihnen ergeben Ehre. Sie segnen Sie. Sie beteuern Ihnen Treue. Mit frommer Begeisterung, mit der Stimme und dem Herzen des Volkes rufen wir: Heil Duce !“ Worauf alle Bischöfe und Priester in den Schrei ausbrachen: „Duce! Duce! Duce!“(28)

Als es mit der Macht Mussolinis zu Ende ging, näherte sich der italienische Klerus eilfertig den Amerikanern.

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